| Ein Artikel von Alexander Mages |

Das richtige ERP-System finden: Warum Auswahl mehr ist als ein Feature-Vergleich

In fast jedem ERP-Auswahlprozess liegt am Anfang dieselbe Tabelle auf dem Tisch. Links die Anbieter, oben die Funktionen, dazwischen Häkchen. Wer die meisten Häkchen hat, gewinnt. Das Problem an dieser Tabelle: Sie beantwortet nicht die Frage, die am Ende wirklich zählt. Nämlich, ob die Entscheidung in drei Jahren noch trägt.

Der Markt ist konsolidierter, als er aussieht

Ein Blick auf aktuelle Studien zur europäischen ERP-Landschaft zeigt ein ziemlich klares Bild. Wenige große Plattformen tragen den Großteil der Unternehmen, dazu kommt eine lange Liste kleinerer und branchenspezifischer Lösungen. SAP und Microsoft Dynamics bilden die primären Referenzplattformen, ergänzt um Oracle, Workday und eine fragmentierte Landschaft an Nischen- und Alt-ERPs.

Interessant ist, wohin sich der Markt bewegt. Es geht nicht um einen pauschalen Wechsel zu einem einzigen Anbieter. Bei etablierten Plattformen wird selektiv ausgebaut, bei Nischen- oder Alt-Systemen eher konsolidiert oder reduziert. Der Trend heißt Bereinigung, nicht Monokultur.

Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie niedrige Kosten

Ein Befund aus diesen Studien ist es wert, sich festzusetzen: Die Zufriedenheit mit den großen ERP-Systemen ist grundsätzlich hoch, unabhängig vom Anbieter. Gleichzeitig gelten praktisch alle etablierten Systeme als teuer im Betrieb, operativ komplex und mit laufendem Compliance-Aufwand verbunden.

Für die Auswahl bedeutet das: Eine hohe Zufriedenheit anderer Kunden mit einem System sagt wenig darüber aus, wie hoch die eigenen Betriebskosten in fünf Jahren sein werden. Wer nur nach Referenzen und Nutzerbewertungen entscheidet, blendet genau den Teil der Rechnung aus, der am Ende die Total Cost of Ownership bestimmt.

Cloud-Modell und Datensouveränität gehören auf die Kriterienliste

Die Zielarchitektur der meisten Unternehmen ist heute eindeutig Cloud-first und hybrid. On-Premises-Infrastruktur wird schrittweise abgebaut, während der Mix aus internen, öffentlichen und souveränen Cloud-Angeboten wächst, besonders bei regulierten oder sensiblen Workloads.

Ein Großteil der Unternehmen hostet sein ERP inzwischen ganz oder teilweise auf souveränen, länderspezifischen oder europäischen Cloud-Angeboten. Für den deutschen Mittelstand mit Compliance- und Datenschutzanforderungen ist das kein Nebenaspekt. Es ist ein eigenständiges Auswahlkriterium, das genauso gewichtet werden sollte wie Funktionsumfang oder Preis.

Sieben Kriterien, die über den Feature-Vergleich hinausgehen

Eine belastbare ERP-Entscheidung braucht mehr als eine Checkliste. Diese sieben Punkte gehören aus meiner Sicht in jede Bewertung:

  1. Gesamtkosten über den Lebenszyklus. Lizenz- und Implementierungskosten sind nur der Anfang. Betrieb, Wartung und Weiterentwicklung entscheiden über die tatsächliche Kostenposition.
  2. Operative Komplexität. Wie viel internen Aufwand erzeugt das System im täglichen Betrieb, unabhängig von der reinen Funktionalität?
  3. Cloud-Modell und Governance-Fit. Passt das Hosting-Modell zu den eigenen Compliance- und Datenschutzanforderungen?
  4. Verfügbarkeit von Skills. Gibt es intern und extern genügend qualifizierte Ressourcen für Implementierung und Betrieb?
  5. Branchenpassung. Deckt das System die tatsächlichen Prozesse der eigenen Branche ab, oder braucht es aufwendige Individualisierung?
  6. Qualität des Implementierungspartners. Die Softwareentscheidung ist nur die halbe Miete. Der Partner, der sie umsetzt, entscheidet über Projekterfolg und laufende Betreuung.
  7. Skalierbarkeit. Trägt die Architektur auch das Wachstum und die Prozessveränderungen der nächsten Jahre?
ERP-Auswahlkriterien neben Features ERP-Auswahlkriterien neben Features

Die Partnerwahl ist mindestens so wichtig wie die Systemwahl

Studien zeigen einen klaren Trend im Skills-Modell der Unternehmen. Es wird viel mit externen Experten und Providern gearbeitet, während gleichzeitig gezielt in Training und Einstellungen investiert wird, um nachhaltige interne Fähigkeiten aufzubauen. Über alle Branchen hinweg geben Unternehmen an, dass externe Expertise und Partnerschaften der bevorzugte Weg sind, um Wissen und Kompetenz aufzubauen.

Das deckt sich mit einer Erfahrung, die wir immer wieder in Projekten machen und die auch in Grace eingeflossen ist, unser Modul für System- und Anbieterauswahl: Wer bei der ERP-Auswahl nur das System bewertet und die Partnerfrage getrennt behandelt, trifft am Ende zwei Entscheidungen mit unterschiedlichen Kriterien, aber nur ein Auswahlverfahren. Referenzierbarkeit, Branchenerfahrung und Teamkontinuität über die gesamte Projektlaufzeit gehören von Anfang an in dieselbe Bewertung wie die Softwarefunktionen.

Ein strukturierter Prozess statt Bauchgefühl

Eine gute ERP-Auswahl beginnt nicht mit dem Anbietervergleich, sondern mit dem eigenen Geschäftsmodell. Erst wenn klar ist, welche Prozesse und Wertströme das System tragen soll, lässt sich der Markt sinnvoll eingrenzen.

Genau nach diesem Prinzip haben wir Grace aufgebaut, unseren sechsstufigen Ansatz für die System- und Anbieterauswahl:

  1. Geschäftskontext verstehen und Selektions-Hypothesen bilden
  2. Bestehende Systemlandschaft und Datenhoheiten erfassen
  3. Anforderungen aus den Wertströmen ableiten, statt aus Feature-Listen
  4. Markt strukturiert scannen und auf eine begründete Shortlist verengen
  5. Anbieter unter identischen Bedingungen vergleichen, etwa durch Workshops mit gleichen Testszenarien
  6. Entscheidung dokumentieren und Roadmap für die Einführung festlegen

Dieser Prozess ist aufwendiger als ein Feature-Vergleich in einer Tabelle. Er ist aber genau der Aufwand, der eine Fehlentscheidung mit fünf- oder sechsstelligen Folgekosten verhindert.

ERP-Auswahl Prozess ERP-Auswahl Prozess

Fazit: Was Entscheider jetzt tun sollten

Die Wahl des richtigen ERP-Systems ist selten eine reine Softwareentscheidung. Sie ist eine Entscheidung über Kostenstruktur, Betriebsmodell, Compliance-Fähigkeit und Partnerschaft für die nächsten Jahre. Wer diese Dimensionen von Anfang an mitdenkt, trifft eine Entscheidung, die auch dann noch trägt, wenn die erste Euphorie über das neue System verflogen ist.

Wenn Sie gerade vor dieser Entscheidung stehen: Welches der sieben Kriterien wird in Ihrem Haus bisher am wenigsten mitgedacht?

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Alexander Mages

Alexander Mages ist Gründer der Mages Consulting GmbH und Diplominformatiker.

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Alexander Mages ist Gründer der Mages Consulting GmbH und Diplominformatiker. Er ist der Mastermind und verfügt über zehn Jahre Praxiserfahrung in der Digitalisierung. Aber auch methodisch ist er als zertifizierter Berater, Projektleiter und Anforderungsanalyst bestens aufgestellt. Seine Freizeit verbringt Alexander am liebsten mit seiner Familie und in der Ruhe beim Fahrradfahren.