
In fast jedem ERP-Auswahlprozess liegt am Anfang dieselbe Tabelle auf dem Tisch. Links die Anbieter, oben die Funktionen, dazwischen Häkchen. Wer die meisten Häkchen hat, gewinnt. Das Problem an dieser Tabelle: Sie beantwortet nicht die Frage, die am Ende wirklich zählt. Nämlich, ob die Entscheidung in drei Jahren noch trägt.
Ein Blick auf aktuelle Studien zur europäischen ERP-Landschaft zeigt ein ziemlich klares Bild. Wenige große Plattformen tragen den Großteil der Unternehmen, dazu kommt eine lange Liste kleinerer und branchenspezifischer Lösungen. SAP und Microsoft Dynamics bilden die primären Referenzplattformen, ergänzt um Oracle, Workday und eine fragmentierte Landschaft an Nischen- und Alt-ERPs.
Interessant ist, wohin sich der Markt bewegt. Es geht nicht um einen pauschalen Wechsel zu einem einzigen Anbieter. Bei etablierten Plattformen wird selektiv ausgebaut, bei Nischen- oder Alt-Systemen eher konsolidiert oder reduziert. Der Trend heißt Bereinigung, nicht Monokultur.
Ein Befund aus diesen Studien ist es wert, sich festzusetzen: Die Zufriedenheit mit den großen ERP-Systemen ist grundsätzlich hoch, unabhängig vom Anbieter. Gleichzeitig gelten praktisch alle etablierten Systeme als teuer im Betrieb, operativ komplex und mit laufendem Compliance-Aufwand verbunden.
Für die Auswahl bedeutet das: Eine hohe Zufriedenheit anderer Kunden mit einem System sagt wenig darüber aus, wie hoch die eigenen Betriebskosten in fünf Jahren sein werden. Wer nur nach Referenzen und Nutzerbewertungen entscheidet, blendet genau den Teil der Rechnung aus, der am Ende die Total Cost of Ownership bestimmt.
Die Zielarchitektur der meisten Unternehmen ist heute eindeutig Cloud-first und hybrid. On-Premises-Infrastruktur wird schrittweise abgebaut, während der Mix aus internen, öffentlichen und souveränen Cloud-Angeboten wächst, besonders bei regulierten oder sensiblen Workloads.
Ein Großteil der Unternehmen hostet sein ERP inzwischen ganz oder teilweise auf souveränen, länderspezifischen oder europäischen Cloud-Angeboten. Für den deutschen Mittelstand mit Compliance- und Datenschutzanforderungen ist das kein Nebenaspekt. Es ist ein eigenständiges Auswahlkriterium, das genauso gewichtet werden sollte wie Funktionsumfang oder Preis.
Eine belastbare ERP-Entscheidung braucht mehr als eine Checkliste. Diese sieben Punkte gehören aus meiner Sicht in jede Bewertung:
Studien zeigen einen klaren Trend im Skills-Modell der Unternehmen. Es wird viel mit externen Experten und Providern gearbeitet, während gleichzeitig gezielt in Training und Einstellungen investiert wird, um nachhaltige interne Fähigkeiten aufzubauen. Über alle Branchen hinweg geben Unternehmen an, dass externe Expertise und Partnerschaften der bevorzugte Weg sind, um Wissen und Kompetenz aufzubauen.
Das deckt sich mit einer Erfahrung, die wir immer wieder in Projekten machen und die auch in Grace eingeflossen ist, unser Modul für System- und Anbieterauswahl: Wer bei der ERP-Auswahl nur das System bewertet und die Partnerfrage getrennt behandelt, trifft am Ende zwei Entscheidungen mit unterschiedlichen Kriterien, aber nur ein Auswahlverfahren. Referenzierbarkeit, Branchenerfahrung und Teamkontinuität über die gesamte Projektlaufzeit gehören von Anfang an in dieselbe Bewertung wie die Softwarefunktionen.
Eine gute ERP-Auswahl beginnt nicht mit dem Anbietervergleich, sondern mit dem eigenen Geschäftsmodell. Erst wenn klar ist, welche Prozesse und Wertströme das System tragen soll, lässt sich der Markt sinnvoll eingrenzen.
Genau nach diesem Prinzip haben wir Grace aufgebaut, unseren sechsstufigen Ansatz für die System- und Anbieterauswahl:
Dieser Prozess ist aufwendiger als ein Feature-Vergleich in einer Tabelle. Er ist aber genau der Aufwand, der eine Fehlentscheidung mit fünf- oder sechsstelligen Folgekosten verhindert.
Die Wahl des richtigen ERP-Systems ist selten eine reine Softwareentscheidung. Sie ist eine Entscheidung über Kostenstruktur, Betriebsmodell, Compliance-Fähigkeit und Partnerschaft für die nächsten Jahre. Wer diese Dimensionen von Anfang an mitdenkt, trifft eine Entscheidung, die auch dann noch trägt, wenn die erste Euphorie über das neue System verflogen ist.
Wenn Sie gerade vor dieser Entscheidung stehen: Welches der sieben Kriterien wird in Ihrem Haus bisher am wenigsten mitgedacht?
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